Dilettanten unterwegs nach Nirgendwo

Eins stand fest: Nüchtern würde das zu erwartende Debakel nicht zu überleben sein. Und so überführten wir im Backstageraum zwei Paletten Dosenbier in unseren Blutkreislauf, während Achmed Vornefett uns noch mal ins Gebet nahm. "Männer!", sagte er mit getragener Stimme. "Männer, heute erwartet uns unser persönliches Tschernobyl. Machen wir das beste daraus, versuchen wir die Erinnerungslücken so groß wie möglich zu halten." Dann verteilte er an jeden circa drei Gramm in Terpentin eingelegte Psilocybine. Während ich die bittere Masse der Kraft meines Speichels überantwortete, betrachtete ich noch einmal meine Mitstreiter. Rein optisch hatten wir uns nichts vorzuwerfen. Handgranate trug ein T-Shirt mit dem Aufdruck 'ENTJUNGFERT DURCH MARGOT HONECKER'. Achmed Vornefett hatte sich ein halbes Glas Griebenschmalz ins Haar geschmiert. Properski steckte in einer Hose, die so weit geschnitten war, daß man den Arschansatz (das so genannte Maurerdekolleté) schon sehen konnte, bevor er überhaupt den VERSUCH einer Hocke unternahm. Ich selbst trug einen alten Lodenmantel meines Vaters, auf den ich mich weißer Airfixfarbe das Vereinswappen von Traktor Tscheljabinsk gemalt hatte. Wir waren ohne Zweifel Punkrock. Aber Punkrock war auch das Publikum. Mitbürger mit Vitamin- und Kalziummangel und Hang zu Gewalttätigkeiten; zu 95% männlich, zu 98% alkoholisiert. Gerade machte sich die Meute über vier Halbwüchsige her, die das schwere Los gezogen hatten, den Abend zu eröffnen. Sie nannten sich ZOMBIES MIT ZAHNBEFALL, spielten eine Art Dark Wave und waren hier unüberhörbar fehl am Platz. Begleitet vom Einschlaggewitter der Bierflaschen drangen laute "Aufhör'n! Aufhör'n!"-Rufe an unsere geröteten Ohren und es fiel keinem von uns schwer, die Losung auf sich selbst zu beziehen. "Scheiße, wir hätten Schnaps kaufen sollen", stöhnte Properski, während er seine leere Dose gegen eine volle austauschte. "Besser noch Heroin". Und dann brach der Gothicrock-Ersatz abrupt ab, die vier Juniorsatanistenr? strömten aufgelöst in den tröstenden Schutz der Backstagemüllhalde und es war an uns, der reißenden Bestie namens Publikum ein Opfer zu bringen. "Hey, viel Glück", rief uns einer der kariesgeplagten Untoten hinterher, während er die Platzwunde auf seiner Stirn notdürftig mit einem Handtuch versorgte. Und dann befanden wir uns auch schon inmitten des Scheiterhaufens, der da allgemein hin als Bühne bezeichnet wird. "Wir heißen der Chef hat vier Eier. Und wir sind gekommen, Euch die Unschuld zurückzugeben!", brüllte Achmed Vornefett ins Mikrophon. Dann brachten wir das Kufsteinlied, unseren größten, unseren ergreifensden, ja unseren EINZIGEN Hit. Soweit ich das hinter den Sichtblenden des Schlagzeugs beobachten konnte, hielten sich die Flaschenwürfe deutlich in Grenzen und das war wohl mehr als wir erwarten konnten. Leider spielten wir noch einen Song. Und leider begannen unterdessen die Pilze zu wirken. Properski, der eben noch virtuos die Laute gezupft hatte, schmiß das Instrument plötzlich von sich und machte sich mit selig-süßem Gesichtsausdruck daran, seine Klamotten abzustreifen. Nicht auszuschließen, daß er ob des überraschend milden Empfangs seine Umgebung einfach vergessen hatte. Vielleicht wähnte er sich in der Umkleidekabine irgendeines Hallenbades oder auf der Drehscheibe einer Peepshow. Einer Peepshow der besonderen Art wohlgemerkt. Denn Properski entsprach dem gängigen Schönheitsideal nur bedingt. Er verfügte über ganze HEERSCHAREN von Wülsten und Fettringen - weiches, ausgesucht weißes Fleisch, das er seiner Umwelt nun mit einer Anmut präsentierte, die an kopulierende Orcas denken ließ. Der Rest der Band schlug sich derweil tapfer mit SLIMES Polizei/SA/SS herum. Aber was nützt das größte Engagement, wenn ein wichtiger Teil des Ensembles unvermittelt seine exhibitionistische Ader ausleben möchte. Properski jedenfalls ließ in seinen Bemühungen nicht nach und noch bevor der Song sein offizielles Ende gefunden hatte, schnupperte sein Fortpflanzungsorgan bereits die lang ersehnte Bühnenatmosr?phäre. Die Menge begrüßte diesen emanzipatorischen Akt mit lautem Gejohle und Zugaberufen. Eigentlich hätten wir diesen Moment genießen müssen. Die Sympathien der Massen gehörten eindeutig dem Chef in dessen Besitz sich vier Eier befanden - auch wenn im Scheinwerferlicht nur ZWEI EIER präsentiert wurden. Aber auch wir anderen hatten von den Pilzen gegessen und nur so ist es wohl zu erklären, daß auch Handgranate die Arbeit mit einem Mal einstellte und stattdessen unter Zuhilfenahme eines Zippos seinen rotgefärbten Irokesenschnitt in Brand setzte. Eine Aktion, die mich derart aus dem Takt brachte, daß ich mich ebenfalls genötigt sah, mein Tagwerk fürs erste zu beenden. Einzig Achmed Vornefett, unser tapferer Shouter, ließ sich nicht beirren. Jeglicher Begleitung beraubt, begann er seine Botschaft unverdrossen a capella zu verbreiten. "Schmiert Euch Euer Hirn aufs Brot. Nutella ist braun. Marmelade ist rot.", wetterte er, die linke Hand zur Faust geballt, als wäre Günter Mittag persönlich in seine Seele gefahren. Ein Text der mir gänzlich unbekannt war. Ohne Zweifel eine Art früher Freestyle-Rap. Properski begleitete diesen Vortrag, indem er mit zwei Fingern arhythmisch an seinem Glied zu zupfen begann.

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