Deutschnationale Turnstunde (Auszug)

Ich studiere gerade ein Sortiment platinveredelter Penisringe, als eine unangenehme Stimme an mein Ohr dringt. "Ey, Assel!" Ich drehe mich um und habe ein unansehnliches Paar Kahlköpfe vor Augen. Sie tragen die übliche Kostümierung - Bomberjacken, EVERLAST-Shirts und hochgekrempelte Jeans. Ein Blick auf ihr Schuhwerk läßt nichts Gutes vermuten: Weiße Schnürsenkel! Wenn das mal keine Nazis sind. Während mein Körper schon damit beschäftigt ist, Adrenalin zu produzieren, meldet sich die unangenehme Stimme erneut. Sie gehört dem Größeren der beiden. Er ist mit Stiernacken und Oberlippenbart ausgestattet und besitzt eine Körperfülle von beachtlichen Ausmaßen. Beim Schlachtfest würde er sicher eine imposante Menge Blutwurst hergeben. "Ey, Assel!", tönt er, gib mich ma 'ne Zigarette." Ich schlucke. Jetzt ist Zivilcourage gefragt. Wenn ich mich diesem unverschämten Ansinnen beuge, hat der Faschismus ganz sicher einen Fußbreit gutgemacht. Vor meinem inneren Auge ziehen sämtliche Fernsehspots vorbei, die den Umgang mit Szenarios dieser Art zum Inhalt haben. Wie tritt man gewaltbereiten Fremdenfeinden doch gleich noch mal gegenüber? Es will mir nicht einfallen. Um nicht gänzlich zu versagen, versuche ich es mit einer List. "Ich hab' gar keine Zigaretten." Noch während ich das sage, fällt mein Blick auf meine rechte Hand, in der eine halbgerauchte PRINCE DENMARK vor sich hindampft. Scheiße, die hatte ich mir angesteckt, als Mettmann und Zachowiak in den Laden getaumelt waren. Schnell versuche ich meinen Schnitzer wieder wettzumachen. "Äh... Ich mein', ich hab' nur amerikanische." "Wa?" Stiernacken sieht mich verwirrt an. "Ich hab' nur MARLBORO. Besatzerzigaretten.", helfe ich ihm auf die Sprünge. Er begreift trotzdem nicht. Mit seiner ideologischen Schulung scheint es nicht besonders weit her zu sein. "Ey, versuch bloß nicht mich zu verarschen.", sagt er, wobei er die Augenbrauen um zwei Grad nach unten zieht. An dieser Stelle mischt sich zum ersten Mal sein Begleiter ? ein. Er ist wie erwähnt kürzer, dazu relativ schmächtig und mit einer Hasenscharte gezeichnet. Seine streichholzdünnen Finger umklammern eine Dose HANSA-PILS. Bisher hat er sich hinter den Fleischmassen des Feisten versteckt, wie ein Kalb unter dem Euter seiner Mutter. Jetzt scheint er seine Zeit für gekommen zu halten. "Gib ihn doch einfach eine auf sein Fressbrett, Ronnie.", kräht er mit einer Stimme, die einen Kastraten alle Ehre machen würde. Ronnie reagiert auf diesen Einwurf mit einer Schweigeminute. Während ich sein Gesicht beobachte, in dem ein heftiges Zucken des Oberlippenbarts deutlich sichtbar die Anstrengungen eines Denkprozesses verrät, stelle ich mich innerlich schon mal auf eine Tracht Prügel ein. Und mit dieser Entscheidung liege ich goldrichtig. Als die Schweigeminute zu Ende ist, kratzt sich Ronnie am Kopf, dann gibt er an den Schmächtigen gewandt, seine Entscheidung bekannt. "Ja, okay. Ich mach' 'ne blutig, wa". Er macht einen Schritt auf mich zu und beginnt hektisch mit den Armen zu rudern. Ich reagiere auf diese Aktion mit der vorgeschriebenen Rückwärtsbewegung, bis ich hinter mir das Schaufenster spüre. Gerade als mich ein Gefühl der Verlorenheit überfallen will, dringt die erlösende Stimme Zachowiaks an mein Ohr "Hey, du hast was verpaßt. Sie hatten sogar welche mit Echthaar. Unglaublich..." Anscheinend hat mein geschätzter Vetter die prekäre Situation noch gar nicht zur Kenntnis genommen. Mettmann dagegen reagiert umso schneller. "Sofort stillgestanden, ihr Rotzlöffel! Hände an die Hosennaht!" donnert er. Die Wirkung seiner Worte ist erstaunlich. Stiernacken der die Rechte schon zum Schlag erhoben hatte, verharrt wie von Zauberhand berührt und stiert blöde in die Gegend, während der Schmächtige einen ängstlichen Flunsch zieht. Mettmann nutzt die Gunst der Stunde um nachzusetzen. Schnell tritt er an meinen Widersacher heran, bohrt ihm einen seiner schmutzigen Fingernägel in die aufgeblasene Brust und brüllt: "Haltung annehmen, hab' ich gesagt! Aber ein bißchen plötzlich! ? Wir sind hier doch nicht im Schweinestall!" Zu meiner Überraschung fügt sich Ronnie ohne Widerrede. Er bringt tatsächlich so etwas wie eine militärische Ehrenbezeugung zustande. Sein Begleiter zeigt sich dagegen noch zögerlich. Er nuckelt verlegen an seinem Bier. Mettmann lässt den Zeigefinger in Richtung Dose schießen. "Hey, was ist das denn für 'ne Sauerei. Der Kamerad trinkt hier am hellichten Tage Alkohol. Ja, bin ich denn im Zirkus, oder was?!" Verschreckt läßt der Schmächtige die Hand mit der Dose sinken. "Äh... aber... wieso. Wer sind sie denn überhaupt?" "Wer ich bin?" Mettmann strafft seine gesamten 163 cm und beginnt erregt mit den Absätzen zu wippen. "Ich bin der Gauleiter von Südhannover-Braunschweig, du Wurm!" Der Schmächtige reißt beeindruckt die Lippen auseinander. "So", fährt Mettmann fort. "und nun weg mit dem Bier. Getrunken wird erst nach Dienstschluß." Der Schmächtige geht in die Knie und stellt die Dose vorsichtig auf den Boden. Als er wieder hochkommt, verpaßt ihm der neue Gauleiter von Südhannover-Braunschweig eine saftige Ohrfeige. "Bist du wahnsinnig?! Geheiligten deutschen Boden mit deinem Abfall zu entweihen?! Los ab, in den Mülleimer damit. Und wenn du zurück bist, machst du 80 Liegestütze." Ich habe mittlerweile den Eindruck, daß Mettmann ein wenig zu dick aufträgt. Aber anscheinend stehe ich mit diesem Gefühl alleine da.

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